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Katalog der Schlafstörungen

von Werner Waldmann

Wenn man zu Bett geht, sollte man sich eigentlich hinlegen, einschlafen und durchschlafen und dann am anderen Morgen wie neu geboren in den Tag treten. Schön wär’s, doch leider hat kaum jemand solches Glück. Auch wenn es Menschen gibt, die sich damit brüsten, dass sie lehrbuchartig schlafen – es sind die Ausnahmen. Doch wann ist ein gestörter Schlaf wirklich eine Schlafstörung? Die Schlafmedizin kennt über achtzig Schlafstörungen, welche die Wissenschaftler systematisch geordnet haben. Diese beängstigende Armada des lädierten Schlafs wollen wir Ihnen hier vorführen.

Wenn man einmal schlecht schläft, muss man keinesfalls an eine Schlafstörung denken. Kein Mensch schläft immer gleich gut. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Einmal wird man seine Gedanken nicht los, die um ein dickes Problem kreisen, das einen zur Zeit plagt. Oder äußere Einflüsse stören: Die Nachbarn lärmen bei einer Gartenparty draußen oder ein Gewitterregen geht nieder. Die sommerliche Hitze fördert auch nicht gerade den Schlaf, und eine Erkältungskrankheit im Anmarsch mag den Schlaf auch fern halten.

Gestörter Schlaf macht sich durch ganz bestimmte Symptome bemerkbar. Wenn man Schwierigkeiten hat einzuschlafen oder wenn man nachts ständig aufwacht und sich schwer tut, wieder in den Schlaf zu kommen, und dies sozusagen eine feste Einrichtung ist, dann kann dies viele Ursachen haben. Ganz vordergründig können akute körperliche Erkrankungen dahinter stecken, ebenso psychische Probleme: Gut 90 % aller Depressionen gehen immerhin mit gestörtem Schlafverhalten einher.

In solchen Fällen sind die Schlafstörungen eigentlich gar keine, jedenfalls keine wirklichen Schlafstörungen; sie sind sozusagen die unangenehme Begleitmusik der Grunderkrankung. Gestörter Schlaf als eigenständige Schlafstörung, so sehen es die Schlafmediziner, liegt erst dann vor, wenn die Beeinträchtigung des Schlafes die Hauptbeschwerde darstellt und möglicherweise diese Schlafstörung andere physische oder psychische Störungen auslöst oder gar verschlimmert.

Die häufigsten Schlafstörungen sind die Schlaflosigkeit (Insomnie) und die Schläfrigkeit am Tage (Hypersomnie). Dies sind eigenständige Erkrankungen, wenn folgende Voraussetzungen vorliegen: Die Schlaflosigkeit muss mindestens dreimal pro Woche oder jede Nacht auftreten. Oder der Zustand der Schläfrigkeit am Tage muss über mindestens einen Monat lang regelmäßig gegeben sein und entweder einen spürbaren Leidensdruck verursachen oder sogar die soziale oder berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Den Arzt interessiert, wie häufig am Tag und über welchen Zeitraum hinweg die Symptome sich bemerkbar machen. Dies ist der Fall, wenn der Betroffene sich tagsüber lange Zeit ständig müde, abgeschlagen und so richtig kaputt fühlt. Neben Häufigkeit und Dauer der Beschwerden ist die gestörte Tagesbefindlichkeit ein wichtiges diagnostisches Schlüsselkriterium.

Internationale Klassifikation

Die Wissenschaft versucht, Erkrankungen nach deren Eigenheiten zu systematisieren. Dies geschieht nicht ohne Grund, denn eine solche systematische Einordnung erlaubt eine schnelle und exakte Diagnose, die wiederum Voraussetzung für eine wirkungsvolle Behandlung ist.

Die Internationale Klassifikation von Schlafstörungen (International Classification of Sleep Disorders = ICSD) basiert auf der Definition der „Amerikanischen Gesellschaft für Schlafstörungen“ (American Sleep Disorders Association) aus dem Jahre 1990. Sie umfasst 88 Krankheitsbilder. Vor der Behandlung ist eine genaue Diagnose erforderlich. Diese wird im Schlaflabor gestellt. Unter den rein körperlich bedingten Schlafstörungen überwiegen bei weitem die schlafbezogenen Atmungsstörungen. 

I. Dyssomnien

Dyssomnie ist der Überbegriff für Schlafstörungen im Allgemeinen. Der Schlaf ist beeinträchtigt in Bezug auf Dauer, Qualität oder Abfolge der Schlafstadien. Möglich sind Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen und Tagesmüdigkeit, also vermehrte Schläfrigkeit. Schlafdefizite infolge von Ein- und Durchschlafstörungen werden zusammenfassend als Insomnien bezeichnet; eine gesteigerte Tagesschläfrigkeit wird Hypersomnie genannt.

Intrinsische Schlafstörungen

(intrinsisch = von innen her wirkend) werden  durch Faktoren verursacht, die im Organismus zu suchen sind. Erkrankungen dieser Gruppe sind z. B. das obstruktive und zentrale Schlafapnoe-Syndrom, das Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der unruhigen Beine ), das Pickwick-Syndrom (alveoläres Hypoventilationssysndrom) mit Einschränkung des Atemantriebes bei extremem Übergewicht, die Narkolepsie (zwanghafte Einschlafanfälle am Tag), die Hypersomnie (krankhafte Schlafvermehrung) sowie die periodische Bewegung der Glieder (nächtliche Unruhe und Aufwachen infolge von periodischen stereotypen Bewegungsabläufen).

Extrinsische Schlafstörungen 

(extrinsisch = von außen her wirkend) werden durch äußere Faktoren verursacht, die auf den Organismus einwirken. Zu dieser Gruppe zählen umweltbedingte Schlafstörungen (z. B. infolge von Lärm, Klimaschwankungen, Mondphasenwechsel), höhenbedingte Schlafstörungen, psychisch verursachte Schlafstörungen (z. B. bei Stress, Konflikten, Ängsten), Schlafprobleme infolge von Nahrungsmittelallergien, nächtlichem Essen und Trinken sowie Schlafstörungen bei Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum.

Störungen des zirkadianen Schlaf-wach-Rhythmus 

(tag-, nacht- bzw. zeitabhängig) haben eine gemeinsame chronobiologische Grundlage und bilden daher eine eigenständige Gruppe innerhalb der Dyssomnien. Dazu zählen Schlafstörungen bei Zeitzonenwechsel, Schichtarbeit, vorverlagertem bzw. verzögertem Schlafphasen-Syndrom (extreme Verlagerungen des Einschlafens in den frühen Abend oder die späte Nacht), sonstige zeitliche Abweichungen des Schlaf-wach-Rhythmus vom 24-Stunden-Rhythmus (ist z. B. bei Blinden möglich).

II. Parasomnien

Unter den Parasomnien fasst man schlafbezogene Anomalien zusammen, die zu Abweichungen des normalen Schlafablaufes führen, jedoch keine Ein- und Durchschlafstörungen oder vermehrte Tagesschläfrigkeit verursachen.

Aufwachstörungen (Arouselstörungen) führen zu teilweisem Erwachen aus dem Schlaf, das nicht durch äußere Einflüsse bedingt ist. Hierzu zählen Somnambulismus (Schlafwandeln), Schlaftrunkenheit (Verwirrtheit beim Aufwachen), Pavor nocturnus (Angstreaktionen im Tiefschlaf).

Bei Schlaf-wach-Übergangsstörungen kommt es während des Überganges von einem Schlafstadium zum nächsten zu vorübergehenden Störungen wie rhythmischen Bewegungsmustern, stammeln von Worten oder Lauten, Muskelzuckungen, Wadenkrämpfen.

REM-Schlaf assoziierte Parasomnien sind Störungen, die nur während der REM-Schlafphasen auftreten. Dazu zählen Alpträume, Schlaflähmungen (vorübergehende Bewegungsunfähigkeit von Kopf, Rumpf, Armen und Beinen, v. a. beim Einschlafen oder Erwachen), geschwächte oder schmerzhafte nächtliche Erektionen, Asystolien (vorübergehende Herzstillstände von mehr als 2,5 Sekunden Dauer bei fehlender organischer Herzerkrankung), Schenk-Syndrom (Verhaltensstörungen im REM-Schlaf, vorübergehend gesteigerter Muskeltonus mit traumbedingten, oft aggressiven Verhaltensweisen).

Andere Parasomnien, die sich den zuvor erwähnten Störungen nicht zuordnen lassen, sind Bruxismus (nächtliches Zähneknirschen), meist im Non-REM-Schlaf auftretend, Verschlucken von Speichel mit Hustenanfällen und Erstickungsgefühl, Epilepsien im Non-REM-Schlaf, primäres Schnarchen (einfaches Schnarchen ohne Atmungsstörung oder sonstige Komplikationen).

III. Medizinisch-psychiatrisch bedingte Schlafstörungen

Zu dieser Gruppe werden Schlafstörungen gezählt, die infolge anderweitiger Erkrankungen als Begleitsymptom auftreten. Dazu gehören beispielsweise:

Schlafstörungen bei psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen, Phobien, Panikattacken, Zwangsstörungen, Hirnabbauprozesse mit Demenz, Morbus Parkinson),

Schlafstörungen bei internistischen Erkrankungen (z. B. Schilddrüsenfunktionsstörungen, Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrankheiten, Magen-Darm-Leiden mit nächtlicher Symptomatik),

Schlafstörungen bei chronischen – auch nächtlichen – Schmerzen (z. B. bei Krebsleiden, orthopädischen und rheumatischen Erkrankungen).

IV. Vorgeschlagene Schlafstörungen

In dieser Gruppe werden Funktionsstörungen versammelt, über die es in der Fachliteratur Einzelberichte gibt, deren Krankheitswert jedoch noch weitgehend unklar ist. Als Beispiele seien Langschläfer und Kurzschläfer genannt.

Neufassung der Hauptkategorien

Die Hauptkategorien der Internationalen Klassifikation der Schlafstörungen wurden 2005 von der Amerikanischen Gesellschaft für Schlafstörungen in der zweiten Auflage der ICSD (ICSD-2) veröffentlicht. Aufgeteilt wurde in acht Hauptgruppen:

  • Insomnien: Sie unterteilen sich in Primäre Insomnien (psychophysiologisiche Insomnie), Insomnien infolge äußerer Einflüsse (z. B. Hitze, Kälte, Lärm , Gebrauch von Genussmitteln oder Pharmaka), sekundäre oder symptomatische Insomnien (bei körperlichen oder psychiatrischen Erkrankungen)
  • Schlafbezogene Atmungsstörungen: Obstruktive Schlafapnoesyndrome (OSAS), Zentrale Schlafapnoesyndrome (ZSAS), Zentral-alveoläre Hypoventilationssyndrome (Pickwick-Syndrom) 
  • Hypersomnien ohne Bezug zu schlafbezogenen Atmungsstörungen: Primäre Hypersomnien mit genetischer Disposition (z. B. Narkolepsie), verhaltensbedingte Hypersomnien (z. B. durch mangelnde Schlafhygiene), symptomatische Hypersomnien (bei psychiatrischer oder körperlicher Vorerkrankung)
  • Störungen des zirkadianen Rhythmus: Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus (etwa durch Zeitzonenwechsel, Jet-Lag, Schichtarbeit, Hospitalisierung)
  • Parasomnien: Störungen, die jeweils an charakteristischen Stellen des Schlafablaufs auftreten, ohne die Erholungsfunktion des Schlafs zu beeinträchtigen, z. B. Schlafwandeln
  • Schlafbezogene Bewegungsstörungen: Restless-Legs-Syndrom (RLS), Periodische Bewegungen der Gliedmaßen im Schlaf (PLMS)
  • Isolierte Symptome und Varianten
  • Andere Schlafstörungen, die sehr selten auftreten und sich nicht zuordnen lassen.