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Mehr als bloße Lärmbelästigung: Schnarchen erhöht Schlaganfallrisiko!

Werner Waldmann 

Noch bis vor kurzem galt Schnarchen eigentlich eher als soziales und partnerschaftliches Problem, das zu getrennten Schlafzimmern oder zu Peinlichkeiten führen kann – zum Beispiel, wenn jemand mitten in einem Vortrag einschläft und die verräterischen sägenden Geräusche von sich gibt. Inzwischen weiß man aber, dass auch „bloßes“ Schnarchen (ohne Atemaussetzer) gefährlich sein kann: Die Vibrationen beim Schnarchen können die Halsschlagader schädigen und zur Entstehung eines Schlaganfalls führen. 

Dass eine obstruktive Schlafapnoe mit nächtlichen Atemstillständen und Sauerstoffentsättigungen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht, weiß man schon lange. Immer mehr rückt in neuerer Zeit aber auch das bloße Schnarchen aus seiner harmlosen Ecke eines einfach nur lästigen und peinlichen Phänomens heraus: Es wird immer klarer, dass Schnarchen (unabhängig vom Auftreten von Apnoen) ein eigenständiges Risiko für die Entstehung verschiedener Probleme und Erkrankungen darstellt. Zu den Meilensteinen auf diesem Weg gehören die Forschungsarbeiten von Dr. Michael Urschitz und seinen Kollegen, die in vielen Studien nachweisen konnten, dass Kinder, die gewohnheitsmäßig schnarchen, ihren Eltern häufiger durch schlechte schulische Leistungen und Verhaltensauffälligkeiten Kummer machen als ihre „schnarchfreien“ Altersgenossen. Neuere Studien zeigen, dass Schnarchen in der Schwangerschaft das Risiko für den gefürchteten Schwangerschaftsbluthochdruck (Präeklampsie) erhöht. Und seit einigen Jahren weiß man nun auch, dass Schnarcher sogar richtig gefährlich leben: Starkes Schnarchen begünstigt nämlich die Entstehung von Schlaganfällen.

Dass es da einen Zusammenhang geben könnte, diesen Verdacht hatten der schwedische Schlafmediziner Jan Hedner und der berühmte Colin Sullivan – Erfinder der CPAP-Therapie und seiner Zeit immer im Siebenmeilenstiefel-Tempo voraus – bereits im Jahr 1994 in einem Fachbuch zum Thema „Schlaf und Atmung“ geäußert. Die sich jede Nacht wiederholenden Vibrationen bem Schnarchen müssten, so vermuteten sie, nach dem Muster „Steter Tropfen höhlt den Stein“ doch eigentlich die empfindliche Innenschicht der Halsschlagader schädigen und für die Entstehung einer Arteriosklerose anfällig machen. Tatsächlich gehört eine Arteriosklerose der Halsschlagader (Karotis) zu den Hauptrisikofaktoren für einen Schlaganfall. 

Außerdem, so schlussfolgerten Sullivan und Hedner, könnten die Schnarch-Vibrationen dazu führen, dass in einer Halsschlagader, in der sich bereits arteriosklerotische Ablagerungen (Plaques) gebildet haben, diese Plaques einreißen oder sich von der Gefäßwand ablösen. Werden diese Blutgerinnsel dann mit dem Blutstrom ins Gehirn geschwemmt und verstopfen dort eine Arterie, so ist ein Schlaganfall die Folge. Schnarchen würde demnach sowohl im Anfangs- als auch im Endstadium der Schlaganfallentstehung eine wichtige Rolle spielen – was ja eigentlich auch plausibel ist, wenn man bedenkt, wie nah die Karotis am Rachenraum verläuft, in dem sich das unheilvolle Schnarchgeschehen abspielt. 

Sechs weiße Kaninchen bringen es an den Tag

Der Verdacht von Hedner und Sullivan wurde inzwischen tatsächlich durch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen erhärtet. Forscher vom australischen Ludwig Engel Centre for Respiratory Research versuchten an einem Tiermodell zu zeigen, wie Schnarchen sich auf die Halsschlagader auswirken könnte. Zu diesem Zweck versetzten sie sechs Kaninchen („New Zealand White Rabbits“) in Narkose und setzten Katheter in ihre Halsschlagadern ein, die an der Spitze mit Druckaufnehmern versehen waren. Da Kaninchen normalerweise nicht unbedingt schnarchen, erzeugten die Wissenschaftler das Schnarchen künstlich, indem sie den Tieren kleine Sandsäcke auf den Hals legten. Dadurch wurde der Rachenraum so weit eingeengt, dass die Kaninchen zu schnarchen begannen. Die Katheter mit den Druckaufnehmern maßen nun die Energie, die in der Halsschlagader während des Schnarchens entstand – mit dem Ergebnis, dass diese sich tatsächlich um das Elffache erhöhte. Damit war der Beweis erbracht, dass die Schnarch-Vibrationen im Rachenraum sich tatsächlich auf die Halsschlagader übertragen. 

Wer laut schnarcht, lebt gefährlich

Aber was für Kaninchen gilt, muss ja nicht unbedingt auch auf den Menschen zutreffen. Deshalb untersuchten die Wissenschaftler vom Ludwig Engel Centre in einer nächsten Studie 110 freiwillige Probanden, zu denen sowohl Schnarcher als auch nicht-schnarchende Zeitgenossen, aber keine Schlafapnoiker gehörten. Um den Schnarchstatus festzustellen, wurden die Versuchspersonen in einem Schlaflabor einer Polysomnografie (Schlafaufzeichnung) unterzogen. Auf der Basis des polysomnografischen Befundes wurden die Probanden dann in drei Gruppen eingeteilt: leichte, mittelstarke und starke Schnarcher. 

Parallel dazu untersuchten die Forscher per Ultraschall die Halsschlagadern der Versuchspersonen und – zu Vergeichszwecken – auch die Oberschenkelschlagadern. Dabei ergab sich eine eindeutige Korrelation zwischen dem Ausmaß des nächtlichen Schnarchens und dem Zustand der Karotis: Von den leichten Schnarchern litten nur 20 Prozent an einer Arteriosklerose der Halsschlagader; bei den mittelstarken Schnarchern waren es schon 32 und bei den starken Schnarchern sogar 64 Prozent. Der Zusammenhang zwischen Schnarchen und Arteriosklerose der Karotis bestand auch, nachdem die Wissenschaftler alle anderen bekannten Risikofaktoren (Alter, Geschlecht, Rauchen, Bluthochdruck etc.) mit statistischen Methoden aus diesem Ergebnis herausgerechnet hatten. Das Ausmaß der arterioslerotischen Ablagerungen in den Oberschenkelschlagadern der Probanden korrelierte hingegen überhaupt nicht mit der Stärke des Schnarchens. 

„Starkes Schnarchen erhöht das Risiko für eine Arteriosklerose der Halsschlagader deutlich, und zwar unabhängig von anderen Risikofaktoren“, so lautet das Fazit der Autoren dieser Studie. Und da Schnarchen so weit verbreitet ist (Schätzungen zufolge schnarchen ungefähr 40 Prozent aller Männer und 24 Prozent aller Frauen, wobei die Schnarchhäufigkeit mit zunehmendem Alter ansteigt), kommt dieser neuen Erkenntnis eine wichtige Bedeutung für die Schlaganfallprävention zu: Wenn es um die Vermeidung von Schlaganfällen geht, sollte künftig nicht nur auf die bereits bekannten Risikofaktoren, sondern auch auf das Gefahrenpotenzial des Schnarchens geachtet werden. Und diese Prävention fängt bei jedem Einzelnen an. Denn man kann Schnarchen zwar nicht unbedingt immer verhindern, aber doch zumindest reduzieren, indem man sich an bestimmte Spielregeln hält: Dazu gehört zum Beispiel der Verzicht auf übermäßigen abendlichen Alkoholkonsum (Alkohol lässt das Gewebe im Rachenraum stärker erschlaffen und begünstigt bzw. verschlimmert Schnarchen) und der Kampf gegen überzählige Pfunde, die sich leider nicht nur an Bauch, Po und Hüften, sondern auch im Halsbereich breit machen und im Schlaf die oberen Atemwege einengen können. 

Wer ganz sichergehen möchte, ob sein Schnarchen bereits zu Schäden an der Halsschlagader geführt hat: Eine Ultraschalluntersuchung der Karotis ist einfach durchzuführen und vollkommen schmerzlos. Die Untersuchung wird von den gesetzlichen Krankenversicherungen zwar nicht bezahlt, sofern kein begründeter Verdacht auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko besteht; sie wird aber von vielen Ärzten als so genannte IGeL-Leistung (individuelle Gesundheitsleistung für Selbstzahler) angeboten und ist nicht teuer. 

Wenn diese Untersuchung ergeben sollte, dass tatsächlich Plaques in der Halsschlagader vorliegen, die das Schlaganfallrisiko erhöhen, so sind verschiedene Therapiemaßnahmen möglich, um diese arteriosklerotischen Ablagerungen zu beseitigen: Man kann solche Plaques beispielsweise operativ ausschälen oder das Gefäß im Rahmen eines minimalinvasiven Eingriff mithilfe einer Gefäßprothese (Stent) wieder eröffnen und offenhalten. Parallel dazu sind aber auch Änderungen der Lebensweise notwendig, um Risikofaktoren für eine erneute Verengung der Karotis auszuschalten oder zumindest so gering wie möglich zu halten: Ein bestehender Bluthochdruck muss möglichst gut eingestellt werden; ein zu hoher Cholesterinspiegel lässt sich durch fettreduzierte Ernährung, Gewichtsreduktion, mehr Bewegung und eventuell auch durch Einnahme cholesterinsenkender Medikamente normalisieren. Auch ein möglicherweise vorliegender Diabetes muss so gut wie möglich eingestellt werden – und dass Rauchen Gift für die Gefäße ist, braucht wohl nicht extra betont zu werden.